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Verfasst von

Alexandra Frei

„Mein Leben ist leichter geworden“ – Bundespräsident Gauck im Interview

Joachim Gauck, ehemaliger Bundespräsident, ist eine faszinierende Persönlichkeit. Optimist und Mahner zugleich, ein Bundespräsident, der „gegen die Selbstgefälligkeit der bedrohten westlichen Weltordnung“ (NZZ) anredete, der die „Gauck“-Behörde leitetet und der – wäre es nach dem Willen von Bundeskanzlerin Merkel gegangen – eigentlich gar nie Bundespräsident hätte werden sollen. Nun aber ist er doch zu einer der schillerndsten Figuren der deutschen Politik geworden. Am 18. Januar 2019 tritt er am Rheintaler Wirtschaftsforum auf – wir haben ihm vorab fünf Fragen gestellt.

 

Herr Bundespräsident a.D., welches waren im Rückblick die schönsten und welches die traurigsten Momente in Ihrer Präsidentschaft?

Am schönsten? Schwer zu sagen, weil Freude und Glücksgefühle in so unterschiedlichen Situationen entstehen können. Am schönsten waren für mich aber Begegnungen mit den Menschen, die als ehrenamtlich Aktive in den verschiedensten Bereichen der Gesellschaft tätig sind. Die Lebensfreude und die Energie, die diese Menschen ausstrahlen, haben mich tatsächlich mehr bewegt, als manche Begegnung mit gekrönten Häuptern. Aber natürlich auch so etwas: Fussballweltmeisterschaft in Brasilien. Deutschland wird Weltmeister, und ich bin im Stadion dabei!

Und am traurigsten? Das war sicher 2015 mein Besuch in der Stadt Haltern, wo ein großer Trauerakt in der Kirche stattfand. Die Menschen gedachten der vielen Schülerinnen und Schüler und der Erwachsenen, die Opfer eines vom Piloten absichtlich herbeigeführten Flugzeugabsturzes geworden waren. Die Augen der trauernden Mütter, Väter, Geschwister, Freunde… 

 

Haben Sie und Ihr Leben sich nach der Präsidentschaft verändert?

Ich sehe keine Veränderungen an mir, mein Leben allerdings ist leichter geworden. Ich habe mehr Zeit für Privates und habe eine grössere Freiheit, Einladungen aus den verschiedensten Richtungen zu- oder abzusagen.

 

Unser Thema am Wirtschaftsforum heisst „Pioniergeist – Mut – Risikobereitschaft“. Es scheint aber, dass in der Bevölkerung eher Angst und Mutlosigkeit als Mut und Risikobereitschaft besteht. Warum haben die Menschen Angst, obwohl es ihnen besser denn je geht?

Vielleicht sind ja die Ängste grösser, wenn man mehr zu verlieren hat. Ausserdem ist man in unseren Zeiten über die verschiedensten Kanäle zehnmal mehr als zu früheren Zeiten über all das informiert, was bedrohlich ist oder werden kann.

 

In Deutschland, wie auch in anderen Ländern, haben populistische Strömungen Auftrieb, kommen Politiker und Parteien an die Macht, die mit vergiftetem Vokabular auf Stimmenfang gehen. Wie kann man diesen Strömungen begegnen?

In fast allen Ländern Europas ist das der Fall. Seriöse Politik sollte nicht in einen Populismuswettbewerb eintreten. Allerdings ist es wichtig, Ängste der Menschen zu beachten, auch wenn man diese nicht oder nur sehr begrenzt teilt. Genauso wichtig ist es, bei den Tatsachen zu bleiben und diese klar und verständlich darzustellen, Hysterie zu vermeiden und handlungsfähig zu bleiben. So lassen sich Wähler zurückgewinnen, die durch Ängste oder angeblich alternative Politikangebote bewegt den Populisten folgen.

 

Europa steht vor grossen Herausforderungen – Flüchtlingsströme, Euro-/Schuldenkrise, Brexit etc. Welches Europa wollen wir, wie viel Europa möchten wir – und was müssen wir dafür tun?

Ganz offenkundig existieren in den Mitgliedsländern der EU unterschiedliche Vorstellungen darüber, wie weit der Vereinigungsprozess in der EU gehen soll. Während ein Land sogar den Rückzug aus der Gemeinschaft beschlossen hat, fordert ein anderes mehr Europa. Aber die Vereinigten Staaten von Europa jetzt zu fordern, geht ja offenkundig an der Stimmungslage sehr vieler Europäer vorbei. Je mehr Vereinigung von der Politik angestrebt wird, desto stabiler müssen Mehrheiten der Wahlbevölkerung in den betroffenen Ländern einen solchen Prozess bejahen.

 

Vielen Dank für das Interview Herr Bundespräsident a.D. Gauck. Wir freuen uns auf Ihr Referat am 25. Rheintaler Wirtschaftsforum vom Freitag, 18. Januar 2019.

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