Rheintaler Wirtschaftsforum News Neuigkeiten

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Verfasst von

Alexandra Frei

Impulse, Visionen und Erkenntnisgewinne

Von Doris Leuthards Impulsreferat bis zur Bildungsvision von ABB-Präsident Peter Voser: Das diesjährige Rheintaler Wirtschaftsforum (Wifo) bescherte manchen Erkenntnisgewinn ‒ auch mit der Ehrung des Unternehmers Arthur Philipp.

 

«Für einmal brauchen wir Politiker Minderheitenschutz», scherzte Regierungsrat Fredy Fässler bei seiner Begrüssung über die Tatsache, dass weit über 80 Prozent der Anwesenden Unternehmer und Führungskräfte aus der Wirtschaft sind. Und er legte gleich nach: «Zum Glück wird heute ein Zürcher mit dem Preis der Rheintaler Wirtschaft ausgezeichnet, das ist doch auch eher selten.» Im Mittelpunkt des diesjährigen Wifo stand das Thema: «Werte, Wettbewerb, Wohlstand ‒ was unsere Wirtschaft aus- und erfolgreich macht».

 

Mit 64 Jahren Unternehmer

«Alle berufen sich auf Werte, aber alle haben eine andere Vorstellung davon.» Diesen vom Sponsorenvertreter Markus Meli, BDO AG, initiierten roten Faden, der das ganze Wifo durchzog, nahm Karl Stadler, Jurypräsident «Preis der Rheintaler Wirtschaft», in seiner Laudatio auf. Der diesjährige Preisträger Arthur Philipp habe aus einem von der Schliessung bedrohten Labor der Leica 2002 die APM Technica AG gegründet und zu einem weltweit erfolgreichen Unternehmen für Klebe- und Oberflächentechnologie geformt. «Und das im reifen Alter von 64 Jahren!» Der Geehrte freute sich sichtlich über diese Ehrung ‒ und ebenso über die vom Rheintaler Künstler Jürg Jenny harmonisch gestaltete Frauenfigur. Zum Thema «Werte» hatte Moderatorin Susanne Wille eine britische Schweiz-Reportage aus dem Jahr 1958 mitgebracht, die unser Land als ruhiges Land mit wenig Verkehr, wenigen Reichen und ebenso wenigen Armen lobte.

 

Gesellschaft nicht «brasilianisieren»

Diese Idylle wurde vom Publikum mit hörbarem Schmunzeln quittiert, zumal Bundesrätin Doris Leuthard wegen Stau gerade noch rechtzeitig zu ihrem Impulsreferat eintraf. Leuthard plädierte für mehr Offenheit und Gemeinsinn. «Wir können über unsere europäischen Nachbarn denken, wie wir wollen. Fakt ist, dass wir 62 Prozent unseres Aussenhandels mit der EU abwickeln», hielt die Magistratin fest. Leuthard warnte auch vor einer «Brasilianisierung» der Gesellschaft, in der jeder nur noch für sich schaue. Damit sprach sie auch die aktuelle politische Agenda mit den Brennpunkten Altersvorsorge, Unternehmensbesteuerung und «No billag» an. Neben dem freien Markt seien auch Gemeinsinn und sozialer Ausgleich nötig. Denn: «Das ist Schweiz.» Die Multiverwaltungsrätin und Universitätslehrbeauftragte Barbara Kux machte in ihrem Referat Mut zu mehr Nachhaltigkeit. Dieser Begriff sei nicht neu, sondern schon im 17. Jahrhundert in der deutschen Forstwirtschaft verwendet worden. «Beim heutigen Ressourcenverbrauch bräuchten wir 1,6 Erden, Tendenz steigend.» Kux zeigte anhand verschiedener gelungener Projekte in ihrem Arbeitsumfeld auf, das disruptive Technologien wie Digitalisierung, künstliche Intelligenz und Bioprinting auch durchaus im Sinn der Nachhaltigkeit genutzt werden könnten, sofern sie sozial- und umweltverträglich umgesetzt würden. Einen schwungvollen Übergang in die Pause brachten die Überraschungsgäste, die Rheintaler Band «Fäaschtbänkler», mit einem kraft- und klangvoll vorgetragenen Stilmix aus Volksmusik, Pop und Rock.

 

Die gute alte Ehrlichkeit

Der Vorarlberger Wirtschaftsprofessor Matthias Sutter beleuchtete verschiedene Werthaltungen in Bezug auf wirtschaftliche Systeme, so die leistungsbetonte US-Mentalität mit dem Mythos der Tellerwäscherkarriere, im Gegensatz zu europäischen Ländern, in denen der soziale Ausgleich stärker betont wird. Sein erstaunliches Fazit: «Ehrlichkeit fördert liberale Wirtschaftssysteme.» Denn wenn Gewissheit bestehe, dass Reichtum unter fairen Bedingungen möglich sei, würden soziale Unterschiede akzeptiert. Sei hingegen Betrug ‒ oder allein nur schon der Verdacht auf Betrug ‒ im Spiel, würde die Öffentlichkeit stärker auf egalitäre Systeme setzen. Einen neuen Akzent in diesem Wertediskurs setzte ABB-Präsident Peter Voser mit dem Thema Bildung. Die Technologien entwickelten sich heute so rasend schnell, dass selbst das erfolgreiche Schweizer Bildungssystem zu langsam sei. «In Zukunft wird ein rund 45-jähriges Arbeitsleben aus zwei bis drei Lehren oder Studien bestehen.» Denn einerseits würden Berufe verschwinden, andrerseits neue entstehen. Im Bildungsbereich seien alle gefordert, auch die Wirtschaft. Schon heute verfüge die ABB über eine eigene Lehrlingsschule, was flexible Ausbildungsmodelle vereinfache. «Auch der Arbeitsmarkt wird sich verändern.» So würden traditionelle Anstellungsverhältnisse durch neue Arbeitsformen abgelöst. In Zukunft würde vermehrt projektbezogen, ortsunabhängig und mit mehr Marktnähe gearbeitet. Mit einem träfen Gedicht setzte AGV-Präsidentin Brigitte Lüchinger einen pointierten Schlusspunkt und entliess die rund 800 Gäste in den Apéro riche.

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