Bundespräsident Johann Schneider-Ammann im Wifo-Interview

Mit dem diesjährigen Bundespräsidenten Johann Schneider-Ammann hat das Rheintaler Wirtschaftsforum einen ehemaligen erfolgreichen Unternehmer engagieren können. Johann Schneider-Ammann kennt die hiesige Wirtschaft und insbesondere die Industrie bestens, hatte er doch auch viele Kunden in unserer Region. Nach seinem Studium der Elektrotechnik an der ETH und einem MBA des Insead/Paris war er u.a. Projektleiter bei Oerlikon-Bührle und trat 1981 ins Maschinenbauunternehmen Ammann ein, wo er von 1987 bis 2010 Vorsitzender der Gruppenleitung und von 1990 bis 2010 Präsident des Verwaltungsrates war. Johann Schneider-Ammann war zudem Präsident von Swissmem und vor seiner Wahl in den Bundesrat auch Nationalrat FDP. Johann Schneider-Ammann ist Ehrenrat der ETH Zürich.



Sehr geehrter Herr Bundespräsident, welches sind aus Ihrer Sicht die wesentlichsten Veränderungen, die auf unsere (Schweizer) Wirtschaft zukommen werden?

Alle sprechen derzeit von der Digitalisierung. Zweifellos zu Recht: Kaum eine Branche, ein Produktionsprozess oder ein Arbeitsprofil wird sich in den nächsten Jahren nicht grundlegend verändern. Wirtschaft, Wissenschaft, Gesellschaft und Politik sind gefordert. Stellen wir die Weichen richtig, bieten sich uns riesige Chancen. Die wollen wir packen.


Worin sehen Sie die besonderen Stärken der Schweizer Wirtschaft, dass sie die Chancen, die sich aus diesen Veränderungen ergeben, packen können?

Unsere Unternehmen und ihre Mitarbeitenden sind enorm innovativ, anpassungsfähig und schnell. Das haben sie auch in den vergangenen Jahren mit der Frankenstärke wieder eindrucksvoll bewiesen. Und das sind genau die Eigenschaften, die es braucht, um die Chancen der Digitalisierung zu packen.


Sie waren früher selber in der Industrie tätig und kennen die Ostschweiz, die traditionell Industrie-lastig ist, bestens. Wie beurteilen Sie die Chancen unseres Wirtschaftsraumes im Dreiländer-Eck?

Ich glaube an die Schweizer Industrie, denn sie ist Weltklasse! Das Rheintal bewegt sich seit jeher in international hart umkämpften Sektoren. Ich bin überzeugt, dass sie auch in Zukunft Erfolg hat. Dafür muss sie weiterhin einen Zacken besser sein als die Konkurrenz. Die Politik ihrerseits muss den guten Standortbedingungen Sorge tragen. Etwa, indem wir den flexiblen Arbeitsmarkt und die Sozialpartnerschaft pflegen und in unser einzigartiges duales Bildungssystem stark investieren. Bei der Sicherung der stabilen Verhältnisse mit der EU, unserem wichtigsten Handelspartner, sind wir 2016 ein gutes Stück weitergekommen.


Die Politik sollte nicht zu stark in die Wirtschaft eingreifen. Was kann der Bundesrat trotzdem tun, um das Erfolgsmodell Wirtschaftsstandort Schweiz zu stärken – ohne dass er direkt in die Branchen und Firmenpolitik eingreift?

Da bin ich mit Ihnen einig: Interventionistische Industriepolitik hat noch nie funktioniert. Im Gegenteil: Gerade weil wir den Unternehmen möglichst viel Freiraum lassen, können sie sich entwickeln und investieren. Wir müssen endlich vorwärts machen bei der administrativen Entlastung – das geht mir zu langsam. Schlimmer noch: für jeden Schritt vorwärts machen wir zwei zurück. Schon erwähnt habe ich: Den liberalen Arbeitsmarkt müssen wir sichern, damit die Devise „(sozialpartnerschaftlicher) Vertrag vor Gesetz“ auch in Zukunft gilt. Und angesichts der digitalen Revolution ist unser Bildungssystem von der Grundschule bis in die Hochschulen enorm gefordert. Da hat der Staat einen wichtigen Beitrag zu leisten, damit unsere Schüler, Studenten und Arbeitskräfte für die Digitalisierung fit werden.